Freitag, 25. Februar 2011

ERDBEERFELDER FÜR ELBERFELDER: IMMER











Lese gerade die "Logbücher" von Sven Regener ("Meine Jahre mit Hamburg-Heiner), in der er selbstreferentiell auf die sogenannte Blogosphäre eingeht, weil ihm jemand erzählt hat, dass man das macht als Blogger, auf die anderen Blogger eingehen und jetzt frage ich mich, ob ich, sobald ich das Chris Issak-Zitat auf dem Zeit.Zuender-Blog von Sven Regener zitiere, das ich aber tatsächlich aus seinem Buch habe, ob das dann auch noch eine Verknüpfung im Sinne des BLOGGENS ist, also:

"Was für ein Tag. So schön grau. An so einen Tag muß er gedacht haben, als Chris Isaak einmal vor vielen Jahren auf eine saublöde Frage eine sehr elegante Antwort gab: 'Frage: Wie würden Sie den Unterschied zwischen Kalifornien und Deutschland beschreiben? Antwort: Wenn man in Kalifornien morgens auf dem Fenster schaut, dann denkt an: Ein guter Tag, um surfen zu gehen. Wenn man in Deutschland morgens aus dem Fenster schaut, dann denkt man: Ein guter Tag, um eine Bibel zu drucken."

Mit Kassetten hat das jetzt nur in sofern etwas zu tun:



Hier soll es ja eigentlich nur um Kassetten gehen, als Promo quasi, auch davon schreibt Sven Regener, dass es um Promo geht bei seinem Blog, was dann Hamburg-Heiner als Nuttenkram bezeichnet und der Musiker antwortet: "Quatschkack. Exklusiver Vorverkaufstag für Inhaber von American-Express-Karten, das ist Nuttenkram."

Genau.

Aber wenn wir schon bei Promo sind: Mein lieber Freund Stefan Neumann, besser bekannt als "The Laughing Man" hat mir vor wenigen Tagen eine Pop-Kassette seines neuen, wegweisenden Albums "Strawberry Love" geschenkt, ein Dr.-würdiges Werk, das in etwa über sieben Jahre, neben seiner Berufstätigkeit als junger Familienvater in mühevollster Kleinarbeit entstanden ist - und er enthält fraglos Fehler. Und über jeden einzelnen dieser Fehler ist "The Laughing Man" selbst am unglücklichsten. Es wurde allerdings zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht oder bewusst die Urheberschaft nicht kenntlich gemacht."






Tatsächlich haben Stefan Neumann und Band alle Songs selbst verfasst, mit Computern und 80er-Jahre-Bandequipment und, nein, plagiiert wurde nichts, aber doch abgeschaut, bei Tom Waits, Nick Cave und John Lennon. Ob die ganze Nummer hier oder hier abgeschaut wurde. 

Auf jeden Fall fühle ich mich beschenkt, die MC ist nämlich mit Liebe aufgenommen worden. Apropos beschenkt und Promo: wenn man seinen Geburtstag bei Facebook täglich ändert, dann erscheint man an der Seite seiner Freunde immer neu als Erinnerung. Auch Promo. Irgendwie. (Jan)

Dienstag, 22. Februar 2011

WE HAD NO IDEA

Die erste Digitalkamera speicherte 1975 ihre Bilder aus Kassetten (angetrieben von 16 NiCa-Batterien) - hier spricht Erfinder Steve Sasson über dieses sehr sperrige Gerät. 2007 wurde die Kamera aufgenommen in die Consume Electronic Hall of Fame im kalifornischen San Diego:



Das erinnert mich an eine sehr skurrile Begegnung mit Iny Lorentz ("Die Wanderhure") in der Augsburger Fuggerei vor zwei Jahren. Ich war dort fürs inzwischen untergegangene Magazin BÜCHER akkreditert und das sehr freundliche Ehepaar, das sich hinter dem Pseudonym Iny Lorentz verbirgt, zeigte mir stolz ihre Ringe - selbstverständlich nicht irgendwelche, sondern die Meister-Elben-Ringe aus Tolkiens Herr der Ringe ("Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden"). Airbrush-Shirts trugen sie auch, mit Traumbildern. Kurz gesagt: Ich wäre gern für TITANIC dort gewesen.

Doch dann erzählten mit Iny und Elmar eine rührende Geschichte. Die beiden arbeiten seit den 70ern als Programmierer und sind deshalb schon früh mit dem Speichermedium Kassette in Berührung gekommen, haben schnell erkannt, dass man mehr mit diesen beschichteten Plastikbändern anfangen kann als z.B. die Beatles heimlich mitzuschneiden:


(Datasette 1530, Version 1 mit Kassette, Commodore)

Kennengelernt haben sich beide über den EDFC, den Ersten Deutschen Fantasy Club, wo man sich zu Rollenspielen trifft, über Romane schwätzt und in ferne Welten eintaucht. Bis das Internet aufkam, sandte der EDFC per Post Rundschreiben aus, in dem neue Mitglieder vorgestellt wurden. Iny schrieb Elmar damals einen langen Brief.

Der antwortete mit einer besprochenen Musikkassette: 90 Minuten am Stück. Danach wechselten Briefe und Kassetten zwischen Köln (Iny) und dem bayrischen Mühldorf (Elmar) hin und her. "Ich habe die Kassetten immer am Stück besprochen", sagt Elmar, "das hätte man sonst gehört, wenn ich die Stopptaste gedrückt hätte." Iny lacht: "ich habe es aber manchmal gehört." Anderthalb Jahre ging das so, bis sie sich zum ersten Mal sahen.

Und wo sind die Kassetten jetzt? "Weggeworfen", sagt Iny ganz pragmatisch, "wir haben vor Kurzem auch alle Manuskripte entsorgt."

Kenner der Verlagsbranche wissen auch: wohin.

Iny und Elmar sind seit 1982 glücklich verheiratet. "Die Wanderhure" erschien 2004.

(Jan)

Montag, 21. Februar 2011

HÖRSPIELMUSIK

Trotz Tonträger loser Zeiten existieren im Heimatsender 1LIVE weiterhin CDs und Vinyl, die irgendwann den Weg alles Irdischen gehen und im großen Sammelkarton landen. Diese Kartons werden einmal im Monat zum örtlichen Kinderheim gebracht (sagt die Legende) und bevor das passiert schaue ich noch einmal durch die Platten und nehme mit, was meine Arme halten können.

Der liebe Kollege Wolfram Kähler (dessen Radio-DJ-MC-Karriere im "Kassettendeck" abgebildet wird) spottete einmal: "Na, Jan, wieder heissen Shit für die nächste Indie-Party raussuchen?" - Seitdem bediene ich mich heimlich, wenn alle Redakteure gegangen sind, allein Klaus Fiehe ganz weit hintem im Studio steht und mich keinesfalls irgendwer beobachten kann. 

Vor wenigen Wochen fischte ich aus besagtem Karton drei Schallplatten:

Randoman: "Green is the Light" (Kassette Records)
TapeDeckProjekt: "HörspielMusik 1/5"
TapeDeckProjekt: "HörspielMusik 3/5"

Wie gestern bereits angesprochen fühle ich mich wie eine Schwangere - nur eben kassettenschwanger und wer denkt: "Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich", der kann sich ungefähr vorstellen, welche Arbeit unser Lektor Karsten Kredel mit dem "Kassettendeck"-Buch hatte. Inzwischen arbeitet Karsten wieder für Suhrkamp. Ich fühle mich mitschuldig.

Auf jeden Fall muss ich als selbsternannter Kassetten-Aficionado seit 2 Jahren jede Kröte schlucken. Ja, ich hatte angenommen, eine der größten wird "Randoman" aus der Kassettenstadt Istanbul sein, der mit "Green is the light" einen frickeligen Electrosound hinlegt ("ready to rock" nennt das Label diesen Sound, was mäßig fürchterlich klingt.)

Aber hey: Der Sound ist WIRKLICH gut, er hat überhaupt gar nichts mit Kassetten zu tun, ausser dass er auf "Kassette Records" erscheint (nicht einmal als Kassette), was selbstverständlich besonders skurril ist: Digital produzierte Musik wird auf Vinyl gepresst und mit einem Tape beklebt. Ein Medium verschwindet niemals, sagt die Kommunikationswissenschaft, und das hier mag ein weiterer Beleg für diese These sein:



Aus dem gleichen Jahr (2007) ist das zeug vom TapeDeckProject, das mit Namen wie The Disco Boys, Phil Fuldner und Tom Novy punktet. Hörspielmusik wird hier zusammengeschnitten und remixed - wirklich kurios und selbstverständlich dem TKKG-Drei ???-Hype geschuldet.

Bislang habe ich Christian Vorbau nicht überzeugen können, einen TapeDeckProject-RMX ins "Kassettendeck"-Tourset einzubauen. Wenn ich weiterquengele sehe ich mich bereits wie Troubadix gefesselt während der Party im Backstage sitzen.

Es sind aber auch WIRKLICH schlechte Tracks. - 2001 erschien die Kinderheim-Erzählung "Misshandelte Zukunft" von Harry Geber. Wenn die 1LIVE-Kartons tatsächlich an verlassene Kids gespendet werden ahne ich, was dieser Titel andeuten will, in Anlehnung an Umberto Ecos Erkenntnis über remittierte Bücher aus Selbstdruckverlagen, die irgendwann Krankenhäusern und Gefängnissen gespendet werden: "womit begreiflich wird, warum erstere nicht heilen und letztere nicht resozialisieren."

Deshalb besser das "Kassettendeck" live on air hören, zum Beispiel hier.


(Jan)

Sonntag, 20. Februar 2011

FREAK OUT

Wenige Tage vor Veröffentlichung von "Kassettendeck" fühle ich mich wie eine Schwangere, die überall Babykleidung, junge Mamas und Stillspecials in Frauenmagazinen sieht. Mir fällt inzwischen jede Kassette auf: ich zucke bereits beim Buchtitel "The Art of the Tape", und befürchte, wir hätten in unserm Kompendium eine Fußnote vergessen. Wir hören nur noch "The Big Pink", "The Rapture", die Hamburger NuMetalBand "Tape" und natürlich die "Tapes 'n Tapes", während auf dem Rechner im kleinen Fenster "Tape.tv" aus Berlin Marteria mit "Sekundenschlaf" fürs persönliche Web-Mixtape präsentieren. 



Schwieriger als gedacht gestaltete sich die Zusammenstellung eines eigenen Mixtapes mit Kassettenrecorder und Plattenspieler. Dass die alten TDK nicht mehr die Qualität aus den Neunzigern liefern, kann man in verschiedenen Foren nachlesen, weshalb ich einen Stapel Sony-Tapes beim Onlinehändler bestellte, um nach drei Wochen zu erfahren, dass besagtes Produkt aus dem Handeln genommen worden ist.

Im Kölner "Saturn" gab es dann einen einzelne 60-Minuten- "High Fidelity for Music and Voice Recording Type 1 / ICE 1 Normal Position"-Sony HF zum Preis von 10 CD-Rohlingen und mit nur einem Tag Arbeit füllte ich das Magnetband. Allerdings ist es extrem schwierig, die Lautstärke ohne Equalizer oder automatische itunes-Anpassung zu treffen, immer brav vorm HiFi-Turm zu warten, damit die Kassette rechtezeitig am Songende gestoppt wird, was zu unschönen Schlieren führt, wenn man gleichzeitig mit Klebestift, Schere, Altpapier versucht, ein ansehnliches Mixtape-Cover auf die Beine zu stellen. Und dann kann man nur hoffen, dass das Band nicht reisst. Für Backup-Junkies wie mich eine absolute Horrorvorstellung. Aber schön ist es auf jeden Fall geworden:



(Jan)

Samstag, 19. Februar 2011

READY TO START




Beinahe zwei Jahre lang sind Christian und ich durch Deutschland gereist, um die letzten Spuren der Kassette zu besichtigen. Wenn in wenigen Tagen unser "Soundtrack einer Generation" unter dem Titel "Kassettendeck" erscheint sind die Interviews mit Smudo (Hamburg), Westbam (Berlin), Benjamin von Stuckrad-Barre (Leipzig), Hans Nieswandt (Köln) usw. Geschichte. 

Wir haben Bücher gewälzt, Artikel, Blogs, uns durch alte Tapes gehört, bei Ebay auf Nakamichi- und Denon-Spieler geboten, wir haben Friedrich Kittler, Heike Weber, Rainald Goetz und "Der grosse Hirnriss"-Romane gelesen, Fotos, Filme, Sticker, Schnipsel gesammelt.

Und doch passten nicht alle (Neben-)Phänomene ins Buch. Deshalb gibt es diesen "Kassettendeck"-Blog, der begleitend zu unserer bald beginnenden Karaoke-Lese-Disko-Tour stattfinden wird. Das hier ist eine Art Zettelkasten, in den wir alle Fundstücke werfen, die in den kommenden Wochen zufallen, ein letztes Archiv, nach den Kisten und Kladden, die wir fürs Buch angelegt haben.

Es ist zum Beispiel schwer, eine Auflistung alter ORWO-Magnettonbänder angemessen im Buch darzustellen (tatsächlich wirkten die Grafiken und Listen, die man hier finden kann, leicht einschläfernd). Aber aus Vollständigkeitsgründen gehören diese Daten zum Buch. Das Internet hat also einen riesigen Anhang erspart und Platz gelassen für die Gestaltung von Denise Franke - morgen mehr. (Jan)